Unter Schichten: Gestern beim Zeitungslesen

Ahh, Unterschicht. Man darf wieder Unterschicht sagen. Nachdem selbst in der SPD nur noch von sozial Schwachen geredet werden durfte. Das ist fast schon beruhigend, nachdem doch vor wenigen Monaten das einst so unbeliebte und jetzt schmerzlich vermisste Bürgertum spurlos verschwunden ist. Aber die gute alte Unterschicht gibt es wenigstens wieder. Bald darf man zu den bildungsfernen Schichten vielleicht sogar wieder Prolls sagen.

Zufrieden möchte der Leser zum Wirtschaftsteil weiterblättern, da plötzlich der schmerzhafte Gedanke: Gehöre ich etwa selbst schon zu dieser Unterschicht? Selbst sein will das nämlich niemand, merke: Unterschicht sind immer die anderen. Aber wie kann ich mich von Unter- abgrenzen, wenn ich definitiv nicht Ober- bin? Reicht es aus, sonntags in der FAZ zu blättern und einen Manufactum-Katalog zu besitzen? Bekomme ich Abzüge für die indiskutablen Cowboy-Stiefel, oder einen Schichten-Bonus für das Markenklopapier (vier Schichten)?

Drängende Fragen. Und auch das Alphatier lässt sich vernehmen: "Kanzlerin Merkel (CDU) mahnte mehr gesellschaftliche Verantwortung aller Bürger an." Autsch. Das es schon so schlimm ist, hätte ich dann doch nicht gedacht. Und welche Bürger denn? Sind doch alle eingespart, outgesourct und abgewickelt!

Doch halt, dort erscheint Franz Müntefering, Retter der Begrifflichkeit, und rückt die Dinge gerade: "Es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben." Was ein Glück, nur lauter Einzelfälle. Also alles wie vorher. Warum nicht gleich so.
undundund (Gast) - 16. Okt, 22:34

urgestein münte hat eine schöne metapher verwendet, wie mir scheint, denn: formt sich die kohle zum diamanten nicht auch erst unter größtem drucke? ist die schwere nicht voraussetzung für schichten im tagebau, für fordertürme und fördermaßnahmen?

simplex - 17. Okt, 21:21

Ein feiner Gedanke: den Druck weiter erhöhen und so für eine diamantene Basis der Gesellschaftspyramide sorgen. Das hat wenigstens noch Zukunft und System.
Tibor Marmann - 17. Okt, 09:50

Sohle 4

Schichtung als Chance! Sehen wir es doch als längst notwendigen Schritt in Richtung Diversifizierung. Allein der neue Reichtum an expressivem Überhang, Alta, isch schwöre!
Da in der Hauptstadt ja nichtmal mehr die lichtenberger Nazis anständig berlinern, und wir die Berufjugendlichen mit Migrationshintergrund ja nicht ausgrenzen, aber vielleicht unterbuttern wollen, gibt´s hier die Chance durch Erlernen von Kanack, endlich wieda übazeugend zu slummen, whoallah!

Zarkov - 17. Okt, 12:20

Untaschtellung!

Alta, Marmann, Du Hure!
Isch bün garnüsch Untaschüscht, Du Votze, Isch bin voll kleinbürgalisch, ey!

simplex - 17. Okt, 21:35

Ich sag' doch: selber sein will's keiner.

(Gerade wollte ich den Bastian Sick tun und die Schreibweise dieses häßlichen kleinen Wortes rügen, kommt wie wir Etymologen wissen schließlich von Fut, daher mit F, aber dann gerade noch mitgekriegt: So isses noch viel, viel untaschichtiger. Authentischer, wie der Ademicker sacht. Darauf einen Vutschi, un sswar in ungewaschenen Trainingshosen anne Currybude. Jawollo.)
darkrond - 17. Okt, 12:32

in memoriam monthy python

- brian zum volk: "ihr seid alle einzelfälle"
- volk, inbrünstig: "wir sind alle einzelfälle"
- zaghafter zwischenruf: "ich nicht"

Tibor Marmann - 17. Okt, 12:49

Fremdwörterbenutzer

Lieber Darkrond,
ich lese mit Freuden, daß Ihr den höchst undeutsch synchronisierten "Brian" nachbessert, spricht der Prophet an dieser Stelle doch von "Individuen", und nicht von "Einzelfällen".
Kotau,
T.Marmann.
darkrond - 17. Okt, 23:59

dementi

lieber tibor,
vielen dank für die ehrerbietung. allerdings möchte ich an dieser stelle betonen, dass ich mit der (obacht: fremdwort!) persiflage keineswegs beabsichtige, unseren vizekanzler in eine irgend geartete nähe zu besagter filmfigur brian zu rücken. sowohl lebensnäge als auch humor kann ich bei herrn münte nicht entdecken. für sachdienliche hinweise dahingehend bin ich aber durchaus dankbar.
hochachtungsvoll,
darkrond
Amun-Re (Gast) - 17. Okt, 19:05

Franz Müntefering, Retter der Begrifflichkeit, und dann höhrts schon mit Ihm auf. Er hat wörtlich gesagt, es gibt 800.000 offene Stellen. Wir haben aber ca 6. Millionen Arbeitslose, allso 5,2 Millionen Einzelfälle, und 23,5 Millionen Lohnabhängige Beschäftigten gibt es zur Zeit in Deutschland. Das sagt wohl alles in Punkto Einzelfälle.
Die Neue Unterschicht, hat er mit zu verantworten.

simplex - 17. Okt, 21:46

Wollte es so deutlich gar nicht sagen, aber mitzuverantworten hat er vor allem das beim hauseigenen Ebert-Institut bestellte Armutsgutachten, mit dem eigentlich die CDU zum richtigen Zeitpunkt weichgekocht werden sollte. Stattdessen stellen jetzt die eigenen Genossen fest, dass man ja mit der Hartzerei wohl selbst der Verursacher ist. Gab es ganz lange nicht, so ein formvollendetes Eigentor. Das sehen wir gerne nochmal in Zeitlupe aus der Torkameraperspektive (heute in allen Feuilletons).
Tibor Marmann - 18. Okt, 16:34

@ Zarkov & Simplex

Wir möchten hier doch bitte die levantinische Assoziationskultur mit in Betracht ziehen, die das nämliche Körperteil mit dem Abdruck eine Kamelhufs umschreibt. Schön auch im angloamerikanischen Slang als "camel toe" Abdruck auf den notorischen Leggings/Trainingshosen beschrieben. So mag sich uns Zarkovs nahöstliche Hermeneutik vielleicht doch erschliessen. (aah, noch so´ne Metapher -verdammt...)

simplex - 18. Okt, 22:17

Finde es schon fast erstaunlich, dass Sie nicht auch gleich noch Thomas Pynchon in den Zeugenstand holen, der dem nämlichen Buchstaben immerhin einen ganzen Roman gewidmet hat. Wird auch seine Gründe haben.
Ole (Gast) - 20. Okt, 11:46

Oger haben Schichten. Fließbandarbeiter arbeiten in Schichten...

simplex - 21. Okt, 00:36

Ganz zu schweigen von Geologie, Bergbau und Buttercremetorte, alles ohne Schichten gar nicht möglich. Sehr kurz gedacht vom Münte.
erasmus von meppen (Gast) - 21. Okt, 10:41

Günter Gaus selig war ein gerngesehener Gast in unserer CD-Abteilung, ein überaus freundlicher, jovialer älterer Herr, der sich stets die neuesten Jazz (sprich: Jatz)-Scheiben mit nach Hamburg nahm.
Als wir ihn einmal auf seine letzte Sendung Zur Person mit dem SPD-Parteibonzen namens M*** ansprachen, verdrehte er nur die Augen und berichtete, daß dieser Mensch wirklich nicht einmal wußte, was Gaus meinte, als er vom Klassengegensatz sprach. "Da ist nix dahinter, glauben Sie mir", waren seine Worte. Wir glaubten es ihm unbenommen.

simplex - 23. Okt, 20:33

Wenn er sich dadran erinnert, wird der Franz auch gleich noch die Existenz von Klassen in Abrede stellen, wo er doch grad so schön in Fahrt ist. Und dann hätten wir erstmal den Salat: Schulen, Lotterien und Bahn würden sich bedanken.

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